Mittwoch, 26. Februar 2014

Kapitel 12: In der Stadt der Langen



Kapitel 12: In der Stadt der Langen

Drei Tage waren sie schon unterwegs und nichts Besonderes geschah. Der Sturm hatte sich gelegt und der Weg war vom leichten Dauerregen durchweicht. Jeden Abend gab ihr Wulfgast Unterricht, auch wenn er es Camy nicht sagen würde: sie hatte schon ein gewisses Talent zum Kämpfen. Langsam schloß er die Zwergin ins Herz und auch die Schmiedin gewöhnte sich an das knurrige Wesen des Zwerges. Seine Schwägerin hatte wohl Recht; man gewann seine Freundschaft wirklich nicht so leicht, aber er hatte sein Herz auf dem rechten Fleck. Sie wollte unbedingt als gute Kämpferin zurück kehren und deshalb gab sie sich besonders viel Mühe. Zum Glück hatte sie durch das Schmieden schon einige Kraft in den Armen und durch das stramme Marschieren wurde die Zwergin immer ausdauernder. Camy genoss ihre neugewonnene Freiheit und die wunden Füße würden bald verheilen und vergessen. 

Zur Mittagsstunde erreichten sie eine kleine Stadt und Camy erledigte ein paar Schmiedearbeiten für die Stadtbewohner, denn der ortsansässige Schmied hatte sich bei einer Schlägerei den Arm verstaucht. So war eine Menge Arbeit liegen geblieben und mit dem Verdienst konnte sich die beiden Reisenden ein Zimmer und ein warmes Mahl leisten. Das Geld, dass Camy bei sich trug mußte ja schließlich noch eine ganze Weile reichen und dem Zwerg wollte sie nichts schuldig bleiben, denn er half ihr ohnehin schon viel zu sehr.

Wulfgast hatte sich, während sich Camy in der Schmiede abrackerte, auf die Suche nach einem freien Zimmer gemacht und sich ein wenig die Stadt angesehen. Es war wohl Markttag, denn es herrschte rege Geschäftigkeit in den Straßen. Gaukler gaben ihre Kunststücke und Zaubertricks zum Besten. Und natürlich durften auch die vielen Bettler nicht fehlen, die verwahrlost und mit hungrigem Blick nach Almosen bettelten. 

Auf dem Marktplatz stand eine improvisierte Bühne. Scheinbar sollte hier auch noch ein Schauspiel aufgeführt werden. Neugierig blieb der Zwerg stehen und wartete mit den Menschen auf den Beginn der Vorstellung. „Ich hab ja schon von den Aufführungen der Menschen gehört,“ sagte er an den Mann gerichtet, der neben ihm stand, „aber ich dachte eigentlich immer, daß mehr Requisiten auf der Bühne stehen würden.“ Der Mann blickte irritiert auf Wulfgast hinab: „Hier findet doch keine Aufführung statt, Herr Zwerg. Das heißt aber nicht, dass man nicht doch etwas geboten bekommt. Da, seht ihr: der Scharfrichter wetzt schon die Henkersaxt. Heute ist Hinrichtungstag.“

Wulfgast traute seinen Ohren kaum. Verständnislos ließ er seinen Blick über die Menge schweifen: Eltern mit ihren Kindern, die kandierte Früchte naschten. Männer und Frauen die munter schwatzten und Bier oder Wein tranken. Menschen die fröhlich lachten und ab und an erwartungsvoll zur Bühne blickten. 

‚Die Langen machen aus einer Hinrichtung ein Volksfest. Ganz so, als wäre überhaupt nichts dabei wenn Menschen sterben. Und ihrem Nachwuchs bringen sie es auch gleich bei!‘ dachte er und als er gerade fragen wollte, was denn die Verurteilten verbrochen hätten, wurden die Gefangenen auf die Bühne geführt. Dort bekamen sie ihre Urteile verlesen: Viehdiebstahl, Betrug und Ehebruch. „Das ist alles, was sie sich zu Schulden kommen ließen?! Also bei uns zu Hause wird das allerdings anders geregelt!“ Angewidert wandte er sich ab: bei solch einer Ungerechtigkeit wollte er nicht auch noch zusehen. Plötzlich begann die Menschenmenge zu jubeln und zu johlen: die Hinrichtungen hatten begonnen. 

Der Zwerg mußte seine Ellbogen einsetzen um sich einen Weg durch die vielen Leute zu bahnen. Am Rand des Geschehens erblickte er den Stand eines Bäckers und der verführerische Geruch von frisch gebackenem Kuchen ließ ihm das Wasser im Mund zusammen laufen. Er hörte den Bäcker wütend schreien und sah ihn auf ein zerlumptes Bündel einschlagen. Wulfgast beschleunigte beunruhigt seinen Schritt und sah genauer hin: ‚Ja war das denn die Möglichkeit?! Spinnen denn hier alle Langen?!‘  

Der Mann hatte einen etwa 10 Jahre alten Jungen am Kragen gepackt und schlug auf ihn ein. Der wehrlose Knabe trug dreckige, zerlumpte Kleidung und war keinesfalls so gut genährt wie er eigentlich hätte sein sollen. Er wimmerte bei jedem Schlag und rief leise um Hilfe. Die umstehenden Menschen blickten entweder beschämt zur Seite oder gaben dem Händler mit bestätigenden Blicken stumm Recht. Doch niemand rührte auch nur den kleinen Finger um dem Kerlchen zu helfen. 

Endlich hatte Wulfgast die Beiden erreicht. „Hey, du da!“ rief er empört. „Laß sofort den Jungen los und such dir gefälligst einen Gegner in deiner Gewichtsklasse, du feiger Fettsack!“ Der Händler dachte gar nicht daran, von dem Kind abzulassen. Nun hatte der Krieger endgültig genug. Er packte seine Axt und verpaßte dem Bäcker mit dem Eichenstil einen kräftigen Hieb auf die Hand und traf die empfindlichen Handknöchel. Aufjaulend ließ der Mann den Knaben los. 

Wulfgast half dem weinenden Jungen auf und reichte ihm sein Taschentuch damit er es sich an die blutende Nase drücken konnte. „So, jetzt zu dir. Was beim Barte des Großen Schmieds ist denn in dich gefahren?! Schämst du dich denn nicht, einen wehrlosen Knaben derart zu zu richten?!“ „Er hat mich bestohlen. Einen ganzen Laib Brot hat er sich genommen ohne zu bezahlen. Eingesperrt gehört er und nie wieder raus gelassen!“

Wulfgast zog den vermeintlichen Dieb sanft am Arm. „Schau dir den Jungen doch nur mal an. Er ist abgemagert, hungrig, zerlumpt und wohnt vermutlich auf der Straße. Gewiß, es ist unrecht zu stehlen, aber es gibt doch bestimmt wesentlich angemessenere Strafen, als ihn windelweich zu prügeln. Er hat Hunger und kämpft ums Überleben, da hättest du ihm ruhig etwas von deinem trockenen Brot abgeben können. Aber so wie du aussiehst weißt du bestimmt nicht, was es heißt Hunger zu leiden, du schmieriger Fettsack!“

„Scher dich gefälligst um deinen eigenen Mist, du bärtiger Dreckwühler und krabbel zurück in das Loch aus dem du gekrochen bist!“ „Sag das noch mal, wenn du dich traust. Aber du mußt dir schon sicher sein, daß du das Echo verträgst, du großmäuliger Mistkerl. Denn wie man in den Stollen hineinruft schallt es heraus!“ 

Der Mann ließ sich nicht zweimal bitten und war der Meinung, daß er das Echo sehr wohl vertragen konnte. Ungelenk schlug er nach Wulfgast, doch dieser hatte mit dem Angriff gerechnet und wich behände aus. Wieder schlug er mit dem Stil der Axt nach dem Händler und traf dieses Mal die Rippen. Dann verpasste er ihm einen harten Aufwärtshaken und hieb die Waffe erneut auf den Brustkorb. Und dieses Mal hörte der Zwerg das leise Knacken der Rippen. 

Die umstehenden Menschen hatten sich wohl entschieden, nun nicht mehr wegzusehen und riefen laut nach der Stadtwache. Und die war schneller da, als es Wulfgast lieb war. Die Menschen erzählten den Soldaten, daß der Zwerg wie wild geworden grundlos auf den Bäcker eingeschlagen hätte. Die Wachen glaubten ihnen und dem Krieger hörten sie gar nicht zu: sie zeigten  kein Interesse an seiner Version der Vorkommnisse. 

Ehe sie ihn packten und zum Stadtgefängnis bringen konnten, hatte Wulfgast gerade Zeit genug um dem Jungen zu zu rufen: „Meine Reisebegleiterin Camy arbeitet in der Schmiede. Du erkennst sie sofort: sie ist eine Zwergin. Sag ihr bitte, Wulfgast steckt in Schwierigkeiten und erzähl ihr was passiert ist!“ Der Junge nickte und verschwand in der Menge, ehe die Stadtwache auch ihn festnehmen konnte. 

Der Knabe hatte in seinem bisherigen Leben noch nie solch eine große Unterstützung und Hilfe erhalten und war dem Zwerg deshalb sehr dankbar. Und so machte er sich tatsächlich auf die Suche nach der Zwergin. Doch er mußte sich beeilen, die Stadtwache wollte ihn gewiß auch gefangen nehmen und wußte, daß er auf dem Weg in die Schmiede war. Deshalb rannte er so schnell ihn seine Füße trugen um vor ihnen dort zu sein. 

Nach Atem ringend stürzte er hinein und japste: „Camy?...Wulfgast….Schwierigkeiten…Verhaftet…. Stadtwache jagt mich….“ Doch die Schmiedin war nicht da. Sie hatte sich entschlossen, eine kleine Pause einzulegen. Also versteckte sich der Junge und wartete. Als nach einer gefühlten Ewigkeit weder Soldaten noch Zwergin auftauchen, schlich er sich aus seinem Versteck und verschwand in der Abenddämmerung. 

Die Stadtwache hatte Camy währenddessen gefunden, gerade als sie herzhaft in eine mit viel saurer Sahne und Kräutern belegte Stulle beißen wollte….

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Viel Spass beim Lesen, Eure Rina Smaragdauge
 
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